14. Mai 2016

Rituale in der Hundeerziehung und im Training - Fluch oder Segen?

Schon oft hat es uns in den Fingern gejuckt mit euch über Rituale in der Hundeerziehung und im Hundetraining zu sprechen. Jetzt haben wir uns durchgerungen unsere Gedanken mit euch zu teilen. Aber lest selbst. 


Jeden Abend um 19:15 Uhr das gleiche: Ringo steht schwanzwedelnd und herzerweichend schauend vor uns und fixiert uns. Nicht dieses böse fixieren, wenn er einen Feind erblickt hat, Nein, ein liebevolles Fixieren. Jemand der uns nicht besonders gut kennt wird sagen, euer Hund muss dringend raus an die frische Luft. Klar die Labradorbesitzer werden sagen, er möchte fressen ist doch ganz klar, aber warum steht er um 19:15 Uhr vor uns und möchte uns etwas mitteilen? Rund um 20 Uhr herum ist seine Abendmahlzeit angesetzt und dies merkt er nahezu immer um 19:15 Uhr. Ein klassisches Ritual, was sicherlich viele von euch kennen. Aber was macht ein Ritual eigentlich genau aus?

Ein Ritual ist eine immer wiederkehrende, meist zur gleichen Zeit, festgelegte Handlung. Was machen diese Rituale mit uns? Sie geben uns eine Struktur wie wir als Menschen z.B. andere begrüßen. Zumeist mit dem obligatorischen Händeschütteln, zumindest in unseren Kulturkreisen. Hirnforscher haben schon vor längerer Zeit herausgefunden, dass diese Rituale für uns Menschen von eminenter Bedeutung sind (vgl. Gerald Huether)(1). Sie helfen uns Stresssituationen besser zu überstehen und geben uns eine Struktur. So ist es z.B. wenn man einen komplett neuen Spaziergang mit dem Hund macht, sich dort nicht auskennt und das Handy keinen Empfang hat. ";)" Dann hat man den gewissen Nervenkitzel, ob man am Ende auch wieder an der gleichen Stelle heraus kommt, an der man sein Auto abgestellt hat. Beim nächsten Mal ist die Handlung schon viel sicherer und routinierter und man kann sich anderen Gedanken hingeben und den Spaziergang mehr genießen. Man hat also eine Struktur im Hirn geschaffen, dadurch das man eine bekannte Route gelaufen ist. Auch eine Art des Rituals. Aber wie überträgt man solche Forschungserkenntnisse auf den Hund?

Rituale beim Hund - Wirkung

Hat man einen ängstlichen Hund, der nicht sonderlich stressfest ist sind Rituale besonders wichtig. Sie lassen das ankern des Hundes bei einem selber zu. Diese Rituale entwickeln sich mit Vertrauen und der jeweiligen Reaktion bei immer wiederkehrenden Situationen. Wir haben z.B. das Ruheritual bei Ringo eingeführt. Er freut sich morgens immer so sehr, wenn wir aufstehen und unsere Morgenrunde machen, dass er wie wild herumhüpft und am liebsten direkt heraus stürmen möchte. Weil wir aber gerade beim Herausgehen aus der Haustür die Kontrolle haben möchten, muss er sich hinsetzen uns anschauen und dann kommt der Impuls von uns zum hinaus gehen. So hat er sich kurz sammeln können und wir haben seinen Überschwang der Freude kurz gebremst. Dieses Ruheritual ist bei uns auch beim Training sehr wichtig. So sammeln wir uns vor wichtigen Situationen gemeinsam und schreiten dann gemeinsam zur Tat. 



Ja wir wissen, das Bild habt ihr schon gesehen, aber es zeigt den Effekt der gemeinsamen Ruhe und zudem hat es einfach den netten Nebeneffekt, dass durch solche kleinen Stopps die Bindung sehr viel stärker wird. Würde ich ihn einfach ableinen und sagen lauf mal das Gerät hoch und wieder runter und ihm mit diesem Stopp nicht darauf zusätzlich fokussieren, würde Ringo zu 100% alles machen, aber nicht das was in diesem Moment angebracht wäre. Er würde sicherlich viel spannendere Dinge finden, als über eine Leiter zu gehen. ";)" Damit wir uns nicht falsch verstehen, unsere Spaziergänge fangen zwar immer gleich an, aber sie sind doch zu unterschiedlichen Zeiten und in unterschiedlicher Länge, denn man sollte sich unserer Meinung nach nicht zu sehr auf Rituale versteifen.

Wir benutzen unsere Rituale hauptsächlich dazu, Ringo zu beruhigen. Die überschwängliche Labbiliebe zu Menschen ist besonders bei der Klingel zu spüren. Ob es Postbote, Nachbar oder Freunde sind, Ringo würde am liebsten jeden mit Schlabberkuss anspringen und überschwänglich begrüßen. Das lässt sich durch unser Deckenritual nicht gänzlich vermeiden, jedoch bekommt man so wieder eine gewisse Abfolge, die Ringo mittlerweile selbst sehr kennt. Zum Ritual: Es klingelt, er geht auf seine Decke, schaut gespannt zur Tür und wir öffnen die Tür. Wenn der Besuch reinkommt bleibt Ringo auf der Decke, denn zuerst werden die Menschen begrüßt, bei Freunden die Ringo kennt lassen wir ihn dann auf "sie los". Die Freude ist immer noch da, aber eben nicht so stark und überschwänglich, dass es für Mensch und Tier gefährlich werden könnte. 




Fazit


Was halten wir jetzt eigentlich von Ritualen? Wir finden sie sehr wichtig und genießen sie auch sehr, ertappen uns aber auch dabei, dass wir manchmal zu viel Ritualisieren, denn gerade bei Ringo ist es sehr wichtig, dass er auch mal anderen unbekannten Situationen ausgesetzt wird, denn ein souveränes Auftreten und vor allem ein sicheres Auftreten auch in besonderen Situationen ist für Ringo unverzichtbar, gerade im Hinblick auf sein Rettungshundedasein. Wir müssen ja davon ausgehen, dass er bei Einsätzen in unbekannten Gebiet eingesetzt wird und dort soll er sich ja genauso vorbildlich verhalten wie in bekannten Situationen. Auch merken wir daran ob der Hund auf der Höhe ist und es ihm gut geht. Wir hatten morgens schon mal den Schock unseres Lebens, Ringo ist einfach nicht aufgestanden und hat sich morgens nicht gefreut, dass wir aufgestanden sind, da wussten wir irgendetwas stimmt hier überhaupt nicht und tatsächlich der Rabauke hatte sich beim zu wilden Aufstehen am Rücken verletzt und musste zum Tierarzt. Also eben auch ein gutes Mittel um zu sehen ob bei unserem Liebling alles in Ordnung ist! 

Was habt ihr für besondere Rituale? Wo seid vielleicht auch ihr schon ritualisiert und was wollt ihr mit euren Ritualen bezwecken, wir sind gespannt und freuen uns auf viele Rituale von euch!

(1) http://www.gerald-huether.de/populaer/aktuelles/index.php


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